ruhe

Yoshin Franz Ritter

Kindheit und Jugend

Ich wurde am 3. Januar 1947 in Wien geboren und wuchs in einer zerbombten Stadt auf, die meine frühen Jahre prägte. Mein Lieblingsspielplatz war ein Autofriedhof neben unserem Wohnblock, auf dem ich die Zeit fast vergessen konnte und mit Freunden Wunderwelten schuf.
Es gibt zwei Filme, die mich mit ihren Bildern in meine frühe Kindheit versetzen: „Der dritte Mann“ und „Hofrat Geiger“. Es sind die Bilder von zerstörten Häusern in diesen Filmen, die Schutthaufen, die düsteren Gassen. Nicht dass ich ein ängstliches Kind war.

Nein, die Nachkriegslandschaft war Alltag für mich, Abenteuer, Normalität. Zwei Straßen vom Wohnhaus meiner Familie entfernt war eine ganze Häuserzeile bis zu den Grundmauern zerbombt. Unsere Gegend lag in der Abflugschneise der amerikanischen und englischen Bomber, die entlang dem Donaukanal nach Norden flogen und überflüssige Bombenlast abwarfen. Auch unser Gemeindebau erhielt sieben Treffer, in eine der ausgebombten und später wieder aufgebauten Wohnen zogen wir, als ich sechs Jahre alt war. Von einer nordseitig gelegenen Kleinwohnung im gleichen Haus hinauf auf 49 Quadratmeter, mit Sonne und Aussicht bis zum Kahlenberg.

Nach dem Schulabschluss (ich war ein grauenhafter Schüler mit seriellen Fünferbenotungen, die ich aber alle ohne "Sitzenbleiben" überlebte) lernte ich Kaufmann, gründete eine Band und führte mit Freunden einen Jugendclub, las mich quer durch den philosophischen und literarischen Garten, diskutierte nächtelang und stellte mir die große Fragen über das Leben: Woher kommen wir, wohin gehen wir und was hat das alles mit mir zu tun?

Beruf und Berufung

Mit 18 ging ich keck auf die Wirtschafts-Uni (damals Hochschule für Welthandel), um mich ohne Matura (was damals legal war) zu einem Hochschullehrgang für Werbung und Verkauf anzumelden. Dieses Thema lebte mich bis Mitte der 90er Jahre. Ich arbeitete als Konzeptionist und Werbetexter und ruinierte mit letzterem ziemlich gründlich meine Sprache (hat sich wieder gebessert). Durch ich diese Tätigkeit allerdings konnte ich mir meine späteren Ausbildungen und Reisen leisten.

Noch während meiner Zeit als Werber absolvierte ich Ausbildungen in Humanpsychologie (TZI, Ruth Cohn) und Psychotherapie (Biodynamik, Gestalt) aus und stieg ab Mitte der 80er Jahre langsam auf Wirtschaftstraining, Naikan-Begleitung und therapeutische Arbeit um. Heute lebe ich einen Mix aus Schreiben, Psychotherapie und Naikan-Begleiten, weil mir "Untätigsein" wie eine harte Strafe vorkommen würde.

Naikan lernte ich 1978 kennen und organisierte 1980 das erste öffentliche Naikan-Seminar außerhalb von Japan. Seit 1985 leite ich selbst Naikan-Wochen und begründete 1986 das Neue Welt Institut (www.naikan.com), dessen Angebote hauptsächlich auf Naikan basieren.

Second life

Mein zweiter Lebensstrang ist von Selbsterkenntnis und Literatur durchtränkt. Mit 16 schrieb ich ein ziemlich bombastisches Gedicht über meinen zukünftigen Lebensweg als „Dichter“. Im Alter von 17 hielt ich eine erste Lesung auf der künstlerischen Volkshochschule in Wien, schrieb in dieser und der folgenden Zeit Lieder, Kurzprosa, Kabaretttexte und Gedichte. In dieser Zeit trat ich als Singer-Song-Writer auf, spielte mit Freunden selbstgeschriebene Theaterstücke, und arbeitete etwas später an einer ziemlich dadaistischen Zeitschrift namens Octopus mit, die es auf zwei Erscheinungen brachte.

Mit 21 Jahren hörte ich das erste Mal einen buddhistischen Vortrag und war sofort sicher, dass dies mein Lebensweg sein würde. Buddhismus ist auch heute noch das Fundament meines Erkenntnisweges, doch rundeten später noch weitere Erfahrungen mit fernöstlicher Philosophie, schamanistischen Trancetechniken und den Entdeckungen der westlichen Psychologie und Psychotherapie mein Lebensbild ab.

1969 saß ich in einem ersten Zen-Seminar, baute von 1975 bis 1986 das Buddhistische Zentrum in Scheibbs auf, begründete 1976 die buddhistische Zeitschrift „Bodhibaum“ (und leitete sie bis 1986).

Die erste Japanreise 1978 (der viele weitere folgten) diente dazu, ein mehrwöchiges Zen-Training im Eigenji-Kloster in der Nähe von Kyoto zu absolvieren. Ich traf meinen Zen-Meister, Seki-Juho-Roshi, zu dem ich eine tiefe Herzensverbindung bis zu seinem Tod verspürte. Bei dieser Reise allerdings erzählte mir mein Freund Akira Ishii von Naikan. Seither ist diese Methode meine Lebensbasis, die mir hilft, Lebensweisheit und Lebensführung in Einklang zu bringen.